Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Kuttler
Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Kuttler

Interview mit Prof. Dr. Wilhelm Kuttler

Einleitung

Am 19.03.2021 interviewte ich Prof. Dr. Wilhelm Kuttler. Aufgrund von technischen Schwierigkeiten – an jenem Tag waren auch die Server von Instagram und WhatsApp für gewisse Zeiten nicht erreichbar – führten wir dieses Interview telefonisch. Prof. Kuttler war außerordentlich gut vorbereitet und schrieb sich so im Vorhinein schon Antworten zu den Fragen auf. Diese stellte er mir großzügigerweise zur Verfügung. Im Folgenden findet ihr also schriftliche Antworten auf interessante Fragen.

Interview

Stellen Sie sich kurz vor. Wer sind Sie? Was machen Sie? Was zeichnet Sie aus? 

Mein Name ist Wilhelm Kuttler. Ich bin pensionierter Universitätsprofessor für Klimatologe. Seit einigen Jahren im Ruhestand. Während der aktiven Zeit war ich Lehrstuhlinhaber für Angewandte Klimatologie an der Universität Duisburg-Essen. Mein Forschungsgebiet war und ist die Stadtklimatologie. Diese beschäftigt sich mit den klimatischen und lufthygienischen Verhältnissen im städtischen Siedlungsraum. Mich zeichnet nach wie vor ein großes Interesse an den klimatischen Belangen auf allen Skalenebenen aus. Insbesondere beschäftige ich mich seit längerer Zeit mit dem Problem der Wirkung des globalen Klimawandels auf die Städte und wie man diese fit machen kann gegen den Klimawandel. Ich bin Leiter des Fachausschusses Umweltmeteorologie beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in Düsseldorf. Dieser entwirft Richtlinien zu klimatischen/lufthygienischen Belangen.

Was ist Klimatologie? Was macht ein Klimatologe?

Die Klimatologie ist ein Teilgebiet der Meteorologie. (Physik und Chemie der Atmosphäre) Die Klimatologie widmet sich der Erforschung der klein- und großräumigen Prozesse in der Atmosphäre sowie mit deren Wechselwirkungen zwischen Hydrosphäre, Biosphäre, Lithosphäre und Kryosphäre. Aussagen zum Klima betreffen nicht nur die Mittelwerte der gemessenen Parameter, sondern auch deren statistische Momente. Auch die Untersuchung der langfristigen Veränderungen zählen zu den Aufgaben der Klimatologie (z. B. Global Climate Change). Der Erfassungszeitraum sollte – um vergleichbare Daten zu liefern – bei 30 Jahren liegen (= Klimanormalperiode: 30 Jahre; z. B. 1961-1990). Die Aufgaben eines Klimatologen können somit vielfältig sein, da sie ein großes Spektrum umfassen.

Wie sehen Sie die Zukunft? Was ist besser und was ist schlechter? Oder bleibt alles beim Gleichen? 

Nach meiner Auffassung greifen die verschiedenen Maßnahmen zum Schutz des Klimas, wenn auch nicht sofort, jedoch auf lange Sicht. Wichtig ist, dass ein immer stärker werdendes Umdenken in den Köpfen der Menschen stattfindet, und zwar dergestalt, dass man sich besinnt, sparsamer mit allen Umweltgütern umzugehen. Sparsam heißt, von allem möglichst wenig zu verwenden. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt; jedoch ist erst ein Teil des Weges beschritten, die Bemühungen müssen anhalten bzw. noch verstärkt werden. 

Bereits in den 1980er-Jahren warnte der NASA-Wissenschaftler James E. Hansen vor einem Temperaturanstieg durch Menschen verursachte Emissionen. Sie haben bereits einiges an Wissen und Lebenserfahrung sammeln können. Ist die Klimakrise wirklich so schlimm oder wird das Problem bloß von den Medien zum Trend gemacht? 

Der sogenannte menschengemachte Eingriff ins Klima dürfte hinreichend durch Messungen und modellbasierte Berechnungen belegt sein. Bereits vor J. E. Hansen hat ein deutscher Stadtklimatologe, P. Albert Kratzer, in den 1930er-Jahren auf den Einfluss von Treibhausgasen, insbesondere von CO2, auf die Erwärmung der Atmosphäre hingewiesen. Richtschnur für die Aussagen zum Klimawandel sollten die Veröffentlichungen des IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) sein, ein zwischenstaatlicher Zusammenschluss von Tausenden von Wissenschaftlern aus aller Herren Länder, die alle 5-7 Jahre einen Sachstandsbericht zum Erdklima vorlegen. Daran sind alle Staaten der Erde beteiligt, sodass von belastbaren Aussagen ausgegangen werden kann. Danach ist es so, dass der anthropogene Anteil am Klimawandel mehr als 90 % beträgt. Hieraus folgt, dass der Mensch handeln sollte.

Inwiefern beeinflussen die Menschen das Klima? Schließlich gibt es auch einen natürlichen Klimawandel.

Mithilfe moderner Rechenverfahren (Klimamodelle) lassen sich recht gut die natürlichen Klimaschwankungen von den künstlich durch den Menschen verursachten trennen. Danach ist es so, dass der natürliche Klimawandel vorhanden ist, ja natürlich, das war schon immer so, jedoch macht er offensichtlich nur einen Bruchteil des anthropogenen aus.

Ich bin mir nicht sicher, wie der Stand der Dinge ist: Forschen Sie immer noch an der Stadtklimatologie und zur urbanen Lufthygiene in Essen? Können Sie erklären, was genau Sie dort machen und zu welchen Ergebnissen Sie bisher gekommen sind?

Als Stadtklimatologe untersuche ich die klimatischen Gegebenheiten eines Stadtkörpers. Dabei werden Analysen von fast allen Klimaelementen (Temperatur, Feuchte, Strahlung, Wind) gemacht, um ein möglichst flächendeckendes Bild der (möglichst) kleinklimatischen Situation einer Stadt zu erhalten. Diese Untersuchungen sind wichtig, da sie häufig als Vergleichsdaten – als Basis – für weitergehende Untersuchungen dienen, wenn zum Beispiel bauliche Veränderungen vorgenommen werden, um im Vorhinein festzustellen, welche Auswirkungen eine geplante Baumaßnahme haben wird. Besonders aktuell in der derzeitigen Stadtklimaforschung ist die Beantwortung der Frage, wie Städte auf die Einwirkungen des globalen Klimawandels reagieren werden und was passiert, wenn Hitzewellen auftreten oder Starkregen mit Überschwemmungspotential fällt. Ja, ich bin nach wie vor in Forschung engagiert. Wir haben viele Untersuchungen bisher im Rahmen der Stadtklimaforschung durchgeführt. Um Sie hier aufzuführen, dafür reicht der Platz nicht.

Wie realistisch ist es, als Stadt im Ruhrgebiet oder vielleicht sogar generell in Deutschland klimaneutral zu werden? Was sind die größten Hürden? (Zeit, Geld usw…)

Wie auch global, so müsste auch lokal die Energie teurer werden, um weniger davon zu verbrauchen. Mehr Wälder und Begrünung zu schaffen, wäre eine Möglichkeit, aber sicher nicht ausreichend. Die Bepreisung der CO2-Emission ist eingeleitet und wird in Zukunft zunehmen, sodass davon auszugehen ist, dass weniger Energie verbraucht wird, weil sie dann teurer wird. Emissionshandel vorantreiben, 80 Euro/t CO2.

Prof. Dr. Kuttler listet noch folgende Dinge auf:

  • Graue Emissionen (Energie zur Erstellung von Gebäuden) reduzieren
  • Der Mensch emittiert rund 1 t CO2 pro Jahr durch seine Körperphysiologie, aber in Deutschland rund 9 t pro Jahr durch Konsum…
    • Forderung: Fortbildung in Sachen Klimatologie etablieren und ausbauen (in Schulen) Klimatologie sollte Schulfach werden; die Lehrerfortbildung liegt in Deutschland im Argen
  • Die Schaffung von Steingärten auf Privatgrundstücken sollte verboten werden
  • zusätzlich sollte noch was gegen ALAN (= artificial light at night) unternommen werden, der Lichtverschmutzung bei Nacht.
  • Dafür Sorge tragen, dass in unserem Klima die Gebäudedämmung weiter vorangetrieben wird, um die Aufwendung für die Gebäudebeheizung zu senken.

Vielleicht noch mal genauer auf das Ruhrgebiet bezogen: Gibt es Dinge, die hier längst hinfällig sind? Was hätte schon lange gemacht werden müssen?

  • Kfz seltener, Fahrrad und/oder ÖPNV häufiger benutzen 
  • Warentransporte durch Kauf regionaler Produkte verkürzen
  • Versiegelung reduzieren (Wasserversickerung erhöhen)
  • Begrünung (auf Flächen und an Gebäuden) favorisieren
  • Belüftung durch Umlandkaltluft gewährleisten
  • Regenerative Energien ev. verstärkt nutzen
  • Spezifischen Wohnungs- und Heizenergiebedarf senken [< 100 kWh/(m2 ∙a)]
  • Klimagerechte Baumaterialien und helle Gebäudefarben verwenden (ev. Photovoltaik)

Zum Abschluss: Wir wollen ja mit einem guten Gewissen aus dem Interview herauskommen. Fallen Ihnen gute Neuigkeiten zur Bekämpfung des Klimawandels ein?

Das grundsätzliche Problem ist, dass vieles von dem, was den globalen Klimawandel bewirkt, seit langem bekannt ist. Es mangelt schlichtweg an der Umsetzung, das heißt, an der Befolgung der durch die Wissenschaft aufgezeichneten Wege zur Bekämpfung des Klimawandels. Warum wurden bei Corona weitgehend die Empfehlungen der Wissenschaftler befolgt und beim Klimawandel nicht? Liegt das eventuell daran, dass die Angst, an Corona zu erkranken, persönlich eher als größer angesehen wird als unter den eher allgemeinen Folgen des Klimawandels leiden zu müssen?

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